Rezension von Ulrike

Tyrannei der Gleichheit. Für mehr Gerechtigkeit in Schule und Gesellschaft, M.Brodkorb/Klaus Zierer

Zwischen messerscharfer Diagnose und therapeutischer Ratlosigkeit

In ihrer Streitschrift „Tyrannei der Gleichheit“ nehmen Mathias Brodkorb und Klaus Zierer den deutschen Bildungsapparat unter das Seziermesser. Ihre Ausgangs-lage ist so düster wie die aktuellen PISA-Ergebnisse: Ein allgemeiner Leistungsabfall, das Wegbrechen der Leistungsspitze und ein System, das sich in der Verwaltung von Heterogenität verheddert habe.

Die Überforderung als Systemzustand

Die Autoren analysieren multiperspektivisch, wie die Schule zum Reparaturbetrieb der Gesellschaft umfunktioniert wurde. Ob Inklusion, Demokratiebildung oder Digitalisierung – das System werde mit Erwartungen überfrachtet, ohne dass eine klare Priorisierung oder eine konkrete Erwartungshaltung formuliert werde. Die logische Konsequenz nach Brodkorb und Zierer: Man ergibt sich der Überforderung, was zwangsläufig in die Nivellierung nach unten führe. Wer nichts mehr erwartet, werde auch nicht enttäuscht – verliert aber die Talente aus den Augen.

Interessant wird es dort, wo die Autoren tief in die philosophische Kiste greifen. Die Identifikation der „Geworfenheit“ als das namenlose Böse der Bildungsdebatte – quasi der Lord Voldemort der Pädagogik – soll beeindrucken. Doch hier liegt auch eine Schwäche des Buches:

Begriffe wie „Gerechtigkeit“ und „Ungleichheit“ bleiben seltsam unterdefiniert. Da Gerechtigkeit immer im Auge des Betrachters liegt, wirkt der Ruf nach einer „gerechten Ungleichheit“ zwar plakativ, bleibt aber theoretisch vage. Die umfangreiche Widerlegung von Marx und Bourdieu wirkt streckenweise wie akademisches Schattenboxen. Wenn die Kernaussage doch eigentlich lautet: „Schaut auf das Kind und seine Leistung, nicht auf das Bankkonto der Eltern“, hätte man diesen Weg deutlich abkürzen können, ohne das Rad der Soziologie neu zu erfinden.

Die Flucht vor der Konsequenz

Besonders pikant ist die Diskrepanz zwischen Kritik und Lösung. Brodkorb und Zierer kritisieren zu Recht das zögerliche, visionslose Handeln der Politik. Doch am Ende des Buches ereilt sie ein ähnliches Schicksal: Sie drücken sich vor harten, konkreten Ratschlägen. Stattdessen flüchten sie sich in eine (wenn auch richtige) anthropologische Konstante:

„Es geht um die Autorschaft des eigenen Lebens. Für diese trägt jeder Mensch die Verantwortung.“

Fazit: Eine versteckte Kapitulation?

Das Sach-Buch? ist ein wichtiges Korrektiv, weil es den Finger in die Wunde der deutschen Bildungssehnsucht nach Ergebnisgleichheit legt. Doch es bleibt ein fader Beigeschmack: Warum schaffen es die Autoren als Bildungswissenschaftler nicht, die Empirie konsequenter zu hinterfragen, anstatt nur die Datenerhebung zu kritisieren?  Am Ende steht die provokante Frage im Raum: Ist die starke Betonung der individuellen Eigenverantwortung und der „Autorschaft des Lebens“ am Ende vielleicht eine versteckte Kapitulation vor der Reformierbarkeit des Systems selbst? 

„Die Komplexität des menschlichen Lebens lässt sich nicht mit einfachen Botschaften und denselben Instrumenten für alle bewältigen.“ 

Ein intellektuelles Vergnügen mit einem Schuss praxisferner Melancholie.

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